Hier finden sich die Etappen in umgekehrt chronologischer Reihenfolge.

Einen Überblick über alle Etappen gibt es hier, sowie ein paar Worte zu meiner Motivation.

5FE70E38-6A35-4BD7-8DAD-1E1CD4476FA9Einsiedeln, 23.06.2021

Es war sehr ruhig letzte Nacht. Außer den Glockenschlägen des nahen Klosters war nichts zu hören. Da ich sehr früh schlafen gegangen bin, konnte ich etwas Schlaf nachholen und fühle mich ganz ok, aber dennoch nicht super-fit.
Der Himmel ist eine Mischung aus stahlgrau in der einen Himmelsrichtung und blau mit Flockenwolken in der anderen. Aber es ist trocken und mit 15 Grad angenehm kühl.
Das Frühstück ist ok und ich bemerke, dass ich langsam keinen harten, rucksacktauglichen Käse mehr sehen mag. Aber ein Stück frisches Brot mit Butter ist ja auch lecker. Dabei beobachte ich einen Mann mit überdimensionalen Hund. Da bekommt der Begriff „Herrchen“ eine neue Bedeutung.
Gestern konnte ich nach etwas Diskussion auch die Hotelangestellte überzeugen, dass das Frühstück im Preis inbegriffen ist. Man mag von booking halten, was man will - aber da ist mindestens alles klar geregelt.
Zum Abschied von Einsiedeln muss ich nochmal kurz in die Klosterkirche schauen, um meine Eindrücke aufzufrischen. Dann wandere ich los.
Vorbei am Kloster Au geht geht es entlang der Alp das Alptal hinauf.
Heute habe ich sehr wenig Proviant dabei und vertraue darauf, dass ich an einer der Alpen Brot und Käse erstehen kann und zur Not am Haggenegg nicht verhungern werde.
Der Große Mythen, oder eigentlich richtiger “die große Mythe”, denn nach lateinischem Ursprung (meta) bedeutet dies “etwas Aufragendes”, ist Wahrzeichen des Kantons Schwyz und hat es mir echt angetan. Zwei Mal schon hatte ich bereits das Glück, oben stehen zu dürfen. Heute geht es nicht - aber vielleicht ist es mir irgendwann in der Zukunft nochmal vergönnt.
Nach knapp zwei Stunden erreiche ich Alpthal und besuche die Kirche, in der ich auch etwas verweile.
Weiter geht es entlang des Flusses Alp. Das Talende habe ich schon deutlich vor Augen. Vor mir, den Großen Mythen, links daneben das Holzegg. Der kleine Mythen, der viel schwieriger zu besteigen und auch gar nicht durch einen Normalweg erschlossen ist, schiebt sich von rechts in mein Blickfeld. Und rechts daneben muss das Haggenegg liegen - der Pass über den ich das Alptal verlassen möchte. In zwei Stunden soll ich ihn, und damit den höchsten Punkt (1414 m) des Jakobswegs in der Schweiz erreichen.
Ich bin so vom Blick auf den Mythen und den Lärm eines Hubschraubers abgelenkt, dass ich fast die scharfe Abzweigung des Weges nach rechts verpasst hätte. Nun darf ich auf steilem, steinigem Saumpfad gut 400 Höhenmeter zum Haggenegg aufsteigen.
Stoisch arbeite ich mich Schritt für Schritt hinauf und gewinne rasch an Höhe. So langsam nervt der Hubschrauber. Wenn ich das richtig sehe, werden hier Bäume ausgeflogen. Jeweils zwei bis fünf astlose Stämme baumeln am langen Seil unter dem Heli. Das muss doch unglaublich teuer sein?!
Der Anstieg bringt mich zwar ins Schwitzen, aber bei dem Wetter liebe ich das.
Ich habe nur noch etwa hundert Höhenmeter zum Pass und jetzt schieben sich Wolken vor beide Mythen. Auch sonst sieht es am Himmel ziemlich wolkig aus. Mal schauen, was das heute noch gibt.
Ich erreiche das Haggenegg mit Pilgerkapelle und sehe: Nichts! Selbst die Leute auf der Terrasse des vielleicht 50 Meter entfernten Gasthauses kann hören, aber nicht sehen. Obwohl eine Panoramatafel nur 1 Minute neben dem Weg liegen soll, spare ich mir den Weg. 360-Grad Rundumsicht - und in jeder Richtung nur Nebel/Wolke.
Dass ich nur 1:10 h statt 1:50 h gebrauchte habe, überrascht mich doch.
Da ich keine Lust habe, hier oben Rast zu machen, und mir mit meinen nassgeschwitzen Sachen auch kühl wird, nehme ich nur den Rest meines Brötchens und meinen Apfel in die Hand und starte den Abstieg.
Mir steht es ganz bestimmt nicht zu, wegen des Wetters zu jammern! Außerdem könnte es deutlich schlimmer sein.
Zum Glück merke ich schon nach wenigen hundert Metern, dass ich am Haggenegg intuitiv den falschen Weg eingeschlagen habe - nämlich die auf dieser Pass-Seite vorhandene Fahrstrasse. GPS und Karten mit Standortbestimmung sind schon eine tolle Erfindung. Ich drehe also um und nehme den richtigen Weg. Über steile und sehr steile Schotter- und Wurzelpfade geht es hinab.
Als ich nach einiger Zeit eine Teerstrasse erreiche, öffnet sich plötzlich der Blick auf den Vierwaldstättersee. Auch den Lauerzersee kann nehme ich nun erstmals bewusst wahr. Ist das schön!
Am großen, ockergelben Bau des Kollegiums, welches 1856 als Kollgegium „Maria Hilf“ gegründet wurde, wandere ich in das Ortszentrum von Schwyz. Ich bin überrascht, wie früh ich schon da bin. Und ich habe Hunger!
Neben dem mit einem großen Gemälde der Schlacht von Morgarten verzierten Rathaus steht die spätbarocke Pfarrkirche - die ich kurz besichtige. Ich empfinde sie als enorm prunkvoll und lerne später, dass sie die festlichste Pfarrkirche der Schweiz sein soll.
Ein Schild verspricht Pizza und Pasta - genau danach steht mir der Sinn! Als ich beim entsprechenden Restaurant ankomme, muss ich feststellen, dass dieses in meiner Mittagspause selbst Mittagspause macht. Finde ich doof. Es ist nicht mal 14 Uhr! Der Express-Chinese hat auch geschlossen und in einem ansprechend aussehendenCafé ist das reizvolle indische Tagesessen ausverkauft. Hmpf!
Ich flaniere also noch etwas suchend durch das kleine Stadtzentrum und plötzlich sehe ich eine ganze Schar Jugendlicher, die im Kirchgarten sitzen und essen. Da kann die „Lösung“ also nicht weit entfernt sein. Tatsächlich sitze ich wenige Minuten später mit einer gar nicht schlechten Salattasche mit Rösti (Wie Döner - nur mit Rösti-Talern statt Fleisch - gar keine schlechte Erfindung) und Ayran auch in ebenselbem Park. Das tut jetzt gut!
Da die Rezeption meines Hotels erst um 16 Uhr öffnet und (mir) mein Inhalt des Rucksacks zu wertvoll ist, um ihn einfach im Keller zu deponieren, ziehe ich voll bepackt auf einen beschilderten Stadtrundgang los. Da ich momentan auf Zucker achte, fallen all die netten Beschäftigung, mit denen man sich sonst gut die Zeit vertreiben kann, flach. Also z.B. Kuchen oder Eis essen gehen.
Der Rundgang ist ganz nett, aber irgendwie reicht es mir jetzt auch und so lande ich relativ bald wieder auf einer Parkbank - ein (alkoholfreies) Bier habe ich unterwegs auch gefunden. Nebenbei genieße ich die kleinen Annehmlichkeiten eines zivilisierten Landes - nämlich eine benutzbare Toilette am Busbahnhof. Hieran habe ich mich in den letzten drei Wochen sehr gerne gewöhnt!
Ich checke im „Hirschen Backpacker“ ein und gönne mir heute mal den Luxus, meine Wäsche durch eine Maschine waschen zu lassen. Waschen und trocknen für 5 Franken erscheint mir fair. In Einsiedeln hätte der Wäscheservice nur für mein Hemd 8 Franken gekostet. Wenn man das überlegt, habe ich in den letzten drei Wochen hunderte Franken gespart. Die haue ich heute Abend auf den Kopf und esse hier im Haus ein paar Nudeln. Irgendwie passt das eher schlichte Essensangebot eher zu meinen Bedürfnissen.
Die Spaghetti Cinque Pi sind lecker und die Portion so groß, dass ich sie fast nicht schaffe. Auch das Begrüßungs-Bier und der Suure Moscht schmeckt gut. Dazu bekomme ich unvermeidlich auf Grossbild-Leinwand mit, wie die Spanier bei der EM ihren Gegner schlachten.
Fazit: Guter Tagesstart und gutes Ende. Alles Gut!

 


Länge Auf Ab
19.6 km 537 Hm 918 Hm

BBDC7FBF-CCEB-4A82-9D40-4A7701EA2081Hurden, 22.06.2021

Etwas müde bin ich heute, obwohl so zwischen Mitternacht und 4:30 Uhr gar keine Züge fuhren und das Bett gar nicht unbequem war.
Der Sturm gestern Abend tobte noch eine Weile vor sich hin und zog dann über uns hinweg. Dabei gab es nur ganz wenig Regen. Die Servicekraft beim Frühstück meinte, solche Stürme seien nicht sehr selten - so viel tote Insekten wie gestern gäbe es jedoch selten. Sie hat zwar draußen schon wieder alles auf Vordermann gebracht, aber alle Fensterscheiben sind immer noch mit Leichen gepflastert.
Das Frühstücksbüffet ist überschaubar und leider gibt es kein gescheites Brot. Dafür Obst, Haferflocken und frische gemachte Eierspeisen. (Im Gegensatz zum „The Chedi Andermatt“ Luxushotel wo man für die Nacht gerne einen vierstelligen Betrag latzen darf, ist die hier in den 13 Franken für das Frühstück schon mit dabei.)
Das Wetter ist etwas unklar. Grauer Himmel mit dunkelgrauen Wolken und leichter Wind. Heute packe ich die Regensachen ganz nach oben in den Rucksack. Und ob ich den direkten Weg nach Einsiedeln gehe, oder den längeren, alten und angeblich schöneren Weg (über das Stöcklichrüz - 1246 m) , entscheide ich am Etelpass.
In der Apotheke kaufe ich eine (bzw. zwei) Mini-Tuben Zahnpasta. Nach Sonnencreme ist Zahnpasta das zweite Verbrauchsmaterial, was mir ausgeht. Ich würde das gar nicht erwähnen, aber ich fand spannend, dass man sich hier (nach Registrierung beim Kanton) in der Apotheke impfen lassen kann. Übrigens mit Moderna. Gegen FSME impft die Apotheke übrigens auch.
Der Weg den Etzel hinauf gefällt mir gut. Wurzelig, mit ein paar Stufen und zunehmend durch die ruhige, friedliche Natur. Es fängt kurz an zu tröpfeln - hört aber gleich wieder auf. Insgesamt versprechen die Wolken am Himmel wenig Gutes. Unterwegs komme ich an der Unterstandshütte Gruebi vorbei. Schön gebaut und super in Schuss gehalten. Ich versuche mich daran, das Gedicht zu verstehen und verewige mich im Hüttenbuch.
Zwei Stunden nach Start erreiche ich den Pass mit Kapelle und Gasthaus St. Meinrad. (Auf den heiligen Meinrad geht übrigens Einsiedeln zurück). Kurz unterhalb der Passhöhe, konnte ich neben Panzersperren auch noch einen Bunker nebst Infotafel „bewundern“. Von einer Reduit-Nordfront hatte ich noch nie gehört und bin dankbar für die vielen friedlichen Jahre, in denen ich leben durfte. Möge das so bleiben!
(Wer Gänsehaut braucht, der lese mal den Artikel „Schweizer Réduit“ bei Wiki - hochinteressant!)
Gerade entscheide ich mich, den kurzen Weg zu gehen und das Stöcklichrüz auszulassen (macht bei dem Wetter keinen Sinn) und besichtige die Kapelle, als es anfängt, zu regnen.
Auch nach einer Viertelstunde in der Kapelle, in der ich ihre Geschichte ausreichend studiert habe, ist es draußen kühl und regnet ausgiebig. Ich beschließe, nun doch meine Regensachen anzuziehen und weiterzuwandern.
Vorbei am Geburtsort von Parcelsus wandere ich über die Tüfelsbrugg - einem beachtlichen Bauwerk mit Ursprüngen im 12. Jahrhundert, das über die Siehl führt. Gerade als ich sie überqueren möchte, kommt ein fetter Maserati angefahren, den ich gerne vorlasse. Er tastet sich mehr hinüber - es ist so eng, dass die Parksensoren ansprechen. Ein Karren mit vierbeinigem Esel, wofür die Brücke mal gebaut wurde, hätte da weniger Probleme.
Über Wiesen und Weiden geht es auf den nächsten Hügel. Ich versuche, mich mit meinem Poncho und Regenhose nicht zu schnell zu bewegen - bin aber dennoch pitschnass geschwitzt. Einmal muss ich über eine Weide mit Kühen, die heute anders reagieren, als sonst - oder ist das Einbildung? Besonders seltsam ist ein Rindvieh ohne Euter. Mit meinem roten Poncho hat das sowas von Torero. In respektvoller Distanz und den Fluchtweg im Blick erreiche ich heil das nächste Drehkreuz und bin erleichtert.
Nachdem ich eine gute Stunde durch den Regen getapst bin, hört er auf und der Himmel vor mir wird freundlicher. Von den Hügeln und Bergen ist dennoch nicht viel zu sehen. Ein Blick zurück, wo ich den Etzel wähne, offenbart nur dunkelgraue Wolken. Oh weia. Ich bin froh, dass ich mich für die kurze Strecke entschieden habe - das war vernünftig.
Der Siehlsee mit dem Steg, den ich gerne überquert hätte, kommt in Sicht und unweit daneben Einsiedeln. Da will ich hin.
Als ich in Einsiedeln die Klosteranlage erreiche, erschlägt sie mich durch ihre schiere Größe. Obwohl ich schon einmal hier war! Die Ställe, die angeblich sehenswert sind, sind wegen COVID gesperrt. Der riesige Platz vor dem Kloster wird und wurde gerade neu gepflastert. Ich betrete die Klosterkirche und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich bin tief beeindruckt, aber diese Pracht zu beschreiben, ist mir einfach unmöglich. (Fotografieren ist leider verboten)
Da ich ziemlich nass bin und mir auch kalt wird, suche ich das Hotel auf.
Ich bin heute total geschafft - ich verstehe gar nicht, warum. Also Ruhe ich mich nach dem Duschen/Wäschewaschen erstmal aus.
Ich spiele sogar kurz mit dem Gedanken, die (kostenpflichtige) Sauna aufzusuchen, aber als ich interessehalber mal nachfrage, sagt man mir, dass diese gerade von einer Gruppe Frauen gebucht sei. Seltsam! Da ich sowieso unschlüssig bin, lasse ich das auf sich beruhen, aber ein seltsames Gefühl bleibt zurück. Seit wann kann man den Wellnessbereich eines Hotels exklusiv buchen? Dafür, dass Einsiedeln DER Wallfahrtsort der Schweiz ist, werde ich, als ich mit Rucksack, Poncho und Wanderschuhen ins Hotel einlaufe, eher distanziert behandelt. Anders gesagt: der Respekt und die Anerkennung, hier (vielleicht) einen echten Pilger/Wallfahrer vor sich zu haben, wird gut verborgen. Das war in Fischingen und fast allen bisherigen Unterkünften anders. (Da hatte es auch nicht geregnet)
In einer Regenpause schlendere ich nochmal durch die Stadt - allzu groß wird die Runde nicht, da es wieder weiterregnen möchte.

Länge Auf Ab
13.7 km 679 Hm 184 Hm

1A491C51-470D-4693-B3DB-4DC6DD0CCDBAFischingen, 21.06.2021

Ich habe himmlisch gut geschlafen und fühle mich völlig erholt, obwohl auch nachts die Glocken jede Viertelstunde schlugen. Das Bett war so traumhaft bequem und in der Zelle war es so angenehm kühl und still.
Der heutige Tag wird von der 21 geprägt. 21. Hochzeitstag am 21. Juni im Jahre 2021. Ein Fest für Numerologen. Derweil macht meine Frau dort Urlaub, wo es garantiert keine Berge gibt. Und oft auch kein Meer. Watt? Genau! An der Nordsee.
Beim Frühstück bin ich alleine und erfreue mich vor allem des Kloster-Früchtebrots. Dazu ein Spicy-Chai und der Tag kann beginnen!
Bei strahlend blauem Himmel, wie man ihn sich nicht schöner vorstellen kann und Sonnenschein ziehe ich um halb neun los.
Auf schönen Wurzelpfaden im Wechsel mit breiten Schotterwegen geht es hinauf.
Ein Landwirt sorgt für die die würzige Landluft. Allerdings kommt die Gülle, die fein versprüht wird, nicht aus einem Güllewagen, wie ich das kenne, sondern aus einem gaaanz langen Schlauch, der irgendwo neben der Straße im Boden verschwindet. Quasi eine Gülle-Pipeline. Interessant! Besser riechen tut‘s dennoch nicht.
Nach gut eineinhalb Stunden habe ich den Hörnli-Gipfel (1132 m) mit seiner Triangulationspyramide erreicht und damit im Drei-Kantons-Eck den Kanton Zürich erreicht, den ich heute Abend am Zürichsee wieder zu verlassen gedenke.
Da der Hörnli-Wirt irgendwie von meinen Wanderplänen Wind bekommen haben muss, hat er seit letztem Monat den Ruhetag auf Montag gelegt. Im Gegenzug nutze ich nun eines seiner Bänklein, auf denen Picknick explizit verboten ist. Quid pro quo!
Nicht unbedingt knieschonend geht es hinunter nach Steg im Tösstal, wo ich meine Flasche wieder am Brunnen füllen kann. Hier gäbe es sogar einen ansprechenden Laden mit Brötchen und Snacks, aber ich muss noch weiter, bevor ich Mittagspause machen darf.
Bis nach Gibswil verläuft der breite Weg mal entlang der Straße - mal entlang der Bahnlinie. Abwechslung muss sein. Im Volg erstehe ich Salat und Obst und ein paar Gemüsebällchen zum Mittag. Für die verbleibenden zwanzig Kilometer möchte ich keinen Kohldampf schieben.
Im Osten brauen sich immer dunklere Wolken zusammen. Was das wohl noch geben wird?
Der Weg zieht sich nun an der rechten Hangseite nach oben und ich darf dort auf kleinen Sträßchen und Wegen entlangwandern und ins Tal schauen. Das ist abwechslungsreich und macht mehr Spaß.
Nach der x-ten Kuppe beginnen meine Augen zu strahlen. Ich kann plötzlich den Zürichsee sehen. Mit Damm, auf dem mein Tagesziel Hurden liegt. Und sogar die Mythen zeigen sich. Ich freue mich so! Ist aber noch ein gutes Stück bis dorthin.
Vor Rüti führt der Weg hinab zum Fluss Jona und überquert diesen um dann auf der anderen Seite wieder hinaufzuführen und mich auf Waldwegen meinem Ziel näher zu bringen. Als ich mich von einem schwyzerdütschen Spruch auf einer Bank überreden lasse, einen Pause zu machen, ist es eigentlich zu spät. Ich bin die ganze Zeit seit Mittag ohne Trinkpause durchgegangen. Unvernünftig! Um so besser geht es mir jetzt und besonders, als zehn Minuten später auch noch ein Brunnen kommt. Mit bellendem Hund zwar, aber der will nur gestreichelt werden.
Dank der dunklen Wolken über mir brennt die Sonne nicht mehr und es ist unglaublich drückend. Das gibt doch sicher noch ein Gewitter! Noch zehn Kilometer - mal sehen.
Schon kurz darauf fallen die ersten Tropfen und ich hülle mich in meinen Poncho. Ich bin zwar nicht aus Zucker, aber wenn ich warte, bis der Starkregen einsetzt, ist es zu spät. Fünf Minuten später hört es wieder auf. Wie bisher jedes Mal.
In Rapperswil besuche ich noch Schloss und Kirche. Danach geht es auf dem Holzsteg nach Hurden. Es ist schon etwas besonderes, über den Zürichsee zu laufen, zumal der Steg aus senkrecht stehenden Latten besteht, so dass man hindurchschauen kann. Auf einer Seite ist eine Holzwand - auf der anderen Seite nichts außer ein paar dünnen Drahtseilen. (Warum es die Holzwand braucht, erschließt sich mir im Verlauf des Abends noch). Der Autoverkehr verläuft auf dem Damm. Schon seit jeher versuchen die Menschen, die natürliche Seeenge die durch eine Gletschermuräne entstanden ist, zu überqueren. Mindestens seit dem 14. Jahrhundert gibt es hier eine Holzbrücke. (Allerdings ohne Geländer und mit lose aufliegenden Holzbohlen)
Das letzte Stück zieht sich - dabei habe ich den Berg Etzel fest im Blick, dessen Pass ich morgen überqueren möchte. Endlich ist das Ziel erreicht!
Ich checke semi-freundlich bedient im Gasthof Seefeld, der auf dem Damm zwischen Hauptstraße und Bahnlinie eingequetscht liegt, ein. Mein Zimmer hat Blick auf die Bahnlinie.
Eineinhalb Stunden nach meiner Ankunft braut sich ein grandioses Gewitter zusammen. Es fängt an, wie wild zu stürmen, die Gartenterrasse wurde schlagartig geräumt. Das Servicepersonal fängt in Windeseile an, Tische und Stühle, sowie Blumenkübel, die sich gerade selbstständig machen, einzufangen und windgeschützt abzustellen. Die machen das nicht zum ersten Mal.
Auf dem See gibt es nun Wellen, das dunkle Grün hat sich in ein Hellgrün verwandelt. Die Leuchtsignale sind auf Sturmwarnung (90 x pro Minute) eingestellt und die Regenfront kommt näher. (Leider kann ich keine Fotos machen, denn durch geschlossenes Fenster mit Fliegengitter wird das nichts. Und ich hatte gerade meine Not, das Fenster gegen den Sturm zu schließen. Das mache ich sicher nicht mehr auf!).
Sollte ich nicht weggeweht werden, gibt es mit dem morgigen Bericht ein Update.
Fazit: Ein langer Tag mit viel zu viel Teerstrasse, einem schönen Gipfel und einem eindrucksvollen Naturschauspiel.

Länge Auf Ab
35.2 km 739 Hm 949 Hm

7D27566E-618C-4A21-8FEF-BF1EC836F731Amlikon-Bissegg, 20.06.2021

Die Nacht in der „Alten Post“ ist sehr heiss und nur dank des Ventilators erträglich. Es muss auch etwas geregnet haben, denn am Morgen ist alles nass und es ist etwas kühler. Frau Zurbuchen präsentiert ein reichhaltiges Frühstück in ihrem Wohnhaus und ist sehr nett. Ich lerne auch den „Radler“ Samuel kennen, der irgendwann nachts in dem anderen Zimmer eingecheckt ist. Ein toller Kerl aus Lausanne, mit dem ich mich auch gerne noch länger unterhalten hätte. Gute Gespräche sind sowieso etwas, was mir die letzten Tage abgegangen ist. Aber auch so ist es schon zehn Uhr, als ich losgehe.
Über Nebenstraßen und Feldwege erreiche ich Affeltrangen. Dort freue ich mich gemeinsam mit ein paar Kälbchen über einen Brunnen mit frischem Wasser. Ich darf weiterziehen, die süßen Kälbchen müssen bleiben.
Da es heute bedeckt ist, sticht die Sonne nicht so sehr wie die letzten Tage.
Von Münchwilen aus kann ich das Hörnli sehen. Den Berg, den es morgen zu überschreiten gilt und der in jedem Beschrieb explizit erwähnt wird. Allein, mir fehlt die Ehrfurcht. Noch.
An vielen Bauernhöfen bin ich heute schon vorbeigekommen und viele Kühe habe ich gesehen. Immer nur im Stall. Nie auf der Weide. Ist das, weil Sonntag ist? Sind das die glücklichen Thurgauer Kühe? Ich verstehe das nicht.
In Münchwiler geht es entlang der Murg (hat nichts mit der schwarzwälder Murg zu tun) nach Sirnach, wo ich endlich am geschlossen Restaurant Säge unter einer uralten Linde Mittagsrast mache. Leider sieht es gerade nicht so gut aus mit dem Wassernachschub.
Weiter geht es mit viel Teerstrasse. Erst kurz vor Oberwangen mal ein Stück Waldweg. Eigentlich nichts besonderes, aber heute schon. Wie sehr freue ich mich über den Brunnen in Oberwangen! Richtig satttrinken und abkühlen vor dem letzten Stück bis Fischingen. Sooo typisch - die ganze Zeit gibt es kein Wasser - und jetzt gleich vier Brunnen in einem Ort.
Auf die letzten paar Kilometer versucht sich der Weg mit mir zu versöhnen - ein schöner Wurzelpfad führt nun auf einen Hügel und wieder hinunter und schon ist Fischingen ist erreicht. Am Ende des Dorfes thront das Kloster und dahinter ist wieder das Hörnli mit doch über 1000 Metern Höhe zu erblicken.
Mit Glockenschlag 16 Uhr bin ich da. Was sehen meine vertrockneten Augen? Es gibt eine Klosterbrauerei, die sogar noch geöffnet hat. Schnell mal schauen. Wäre ich früher dagewesen, hätte ich auch noch eine Verkostung machen können. Aber da um 16 Uhr geschlossen wird, bleibt mir, einen 4er-Pack gemischtes Gebräu zu erstehen. Der Abend ist noch lang - und wenn ich so in mich reinfühle, bin ich nicht nur leicht dehydriert, sondern definitiv unterhopft. Dem muss entgegengewirkt werden. (Bin gespannt - normalerweise trinke ich nur alkoholfrei. Sind ja zum Glück kleine Fläschchen)
Beim Check-in ins Kloster-Hotel schiebt mir die Dame zum Abschluss den Schlüssel rüber und ich lese „Andreas“ - und staune nicht schlecht. Personalisierte Schlüsselanhänger? Das habe ich ja noch nie gesehen. Sie sagt dann „Sie sind im Zimmer ‚Andreas‘ im zweiten Stock“ und ich lache los…
Sie schaut erst verwundert - blickt dann auf den Anmeldebogen - und dann dämmert es ihr auch. Tja - ist halt prima, wenn man nicht Kevin oder Justin heißt.
Ich finde den Weg durch das riesige Klostergebäude und betrete meine überraschend große Zelle mit eingebautem Nassbereich. Schlicht. Hochwertig. Still. Kühl.
Mangels Alternativen habe ich mich dazu hinreißen lassen, mich auf das 3-Gänge-Menü einbuchen zu lassen. Ich werfe mich also in Schale (Zweitgarnitur) und bemerke, wie ungewohnt sich eine lange Hose anfühlt.
Im Restaurant sind nur drei Gäste und ich kann meinen 3-Gang-Wunsch einfach revidieren und so bekomme ich zu dem leckeren Brot mit Creme einen fabelhaft angemachten gemischten Salat mit Nüssen und Kernen und danach einen mit Gemüse gefüllten Crepe/Wrap mit leckerer Soße. Richtig fein! Den Nachtisch (3. Gang: Obstsalat mit Sorbet) lasse ich zuckerbedingt sehr gerne ausfallen. Während wir essen, geht draußen ein unglaublicher Gewitterregen nieder, der nach zehn Minuten vorbei ist. Kurz darauf kommen vier (deutsche) Tages-Wanderer, die man erwartet, aber inzwischen abgeschrieben hatte, recht verdreckt und teilweise nass rein. Sie waren vom Wetter überrascht worden und mussten sich unterstellen….
Die Ankunft dieser Leute beendet leider das Gespräch, was ich quer durch den Raum mit den beiden anderen Gästen geführt hatte, ein älteres Ehepaar, das aus Luzern kommt und derzeit hier e-Bike fährt.
Nachdem nun die Grundlage für meine Bierverkostung gelegt ist, schreite ich frohen Mutes voran - unter Studium der Bier-Broschüre. Mann ist das kompliziert für jemanden, der bisher nur Weizen und „Normal“ kennt, sowie mit/ohne Alkohol.
Ich merke bald, dass ich mich heillos überschätzt habe und ein Rest übrig bleiben wird. Ich will ja morgen weiterwandern! Egal! Manchmal muss man auch mal was spontan entscheiden. Dauer-Zaudern ist auch Mist.

Fazit:
-Viel gelernt heute!
-Wer gerne ein Kräuter-Entspannungsbad nimmt, sollte mal das Pilgrim Waldbier versuchen. Das schmeckt so. (Nach zwei Schlucken zum Probieren hat das dann nicht „in meine Bauchnabel“ geprickelt, sondern im Ausguss. Schade drum, aber geht für mich gar nicht).

Länge Auf Ab
24.7 km 431 Hm 243 Hm

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